aufgeknüpft in Minden… hanged in Minden…


(English below)

Deutsch

In dem Umfang habe ich hier noch keinen externen Text verwendet, sondern immer nur und grundsätzlich eigene Texte. Hier nun die Ausnahme. Der folgende Text stammt in Gänze vom Chefredakteur des Mindener Tageblattes (MT), der wöchentlich angemeldeten Interessenten als Newsletter (Post von Piel) zugestellt wird. Für die freundliche Genehmigung zur Verwendung danke ich Herrn Piel.

Aus Post von Piel:

Guten Tag ,
es war ein schockierender Anblick. Als ich am Samstag auf der Rückfahrt vom Urlaub an der Ostseeküste auf mein Handy schaute, konnte ich es kaum glauben. Da baumelte eine Schaufensterpuppe an einem Strick von der Glacisbrücke in Minden. Um ihren Hals baumelte ein großes Pappschild mit der Aufschrift „Covid-Presse“ (zum MT-Artikel).

Es ist ein mieses Gefühl, als Journalist auf die symbolische Hinrichtung eines Medienvertreters schauen zu müssen bzw. auf das Gelynchtwerden der eigenen Berufsgruppe. Ob man es will oder nicht: Man sieht sich zwangsläufig selbst dort hängen. Haben Menschen, die so etwas tun, jede Empathie verloren, wie sich das für die Betroffenen anfühlt? Haben diese Menschen jedes Mitgefühl verloren? Offenbar.

Nein, ich habe keine Angst. Aber ich sorge mich um meine Kolleginnen und Kollegen in Minden im Besonderen und in Deutschland im Allgemeinen. Was sich Journalisten inzwischen an abstoßenden Aussagen anhören und an Angriffen gefallen lassen müssen, ist über die Jahre immer übler geworden. Wir müssen damit leben, dass wir nicht den besten Ruf haben. Das finde ich ok, weil es erklärbar ist. Während Ärzte Leben retten oder Polizisten die Bevölkerung schützen – und damit weit oben auf der Liste der Berufsgruppen stehen, die das höchste Ansehen genießen –, gelten Journalisten als jene, die das Haar in der Suppe suchen, als Nestbeschmutzer oder Neunmalkluge. Ein übrigens ganz falscher Eindruck, wie sich später im Text noch zeigen wird, denn Lokaljournalismus erfüllt einen größeren Dienst am Allgemeinwohl, als man das zunächst vielleicht annehmen könnte. So oder so: Es gibt Grenzen der Kritik und die werden immer öfter verletzt.

Diese Entwicklung ist schon seit Jahren im Gange. Während der Corona-Pandemie hat sie sich allerdings noch einmal deutlich verschärft. Immer mehr Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, radikalisieren sich und sind entsprechend zu immer Hasserfüllterem bereit. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist selbstverständlich legitim, gegen Auflagen der Regierung zu demonstrieren. Es ist auch nur naheliegend, wenn beispielsweise die seit Monaten gebeutelten Gastronomen angesichts des neuerlichen Lockdowns das Vertrauen in die Politik verlieren. Doch es besorgt, dass sich die Demonstranten zunehmend radikalisieren, dass ihre Ansichten extremer werden.

Denn aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden symbolische Handlungen und aus symbolischen Handlungen werden Taten. Das ist die Reihenfolge, die niemand unterschätzen sollte. Es ist sehr viel mehr als ein Dummejungenstreich, wenn jemand mitten in Minden das Symbol einer Hinrichtung installiert. Um es deutlich zu sagen: Bisher ist völlig unklar, wer die Puppe an die Glacisbrücke gehängt hat. Allerdings passt diese neue Qualität des Unanständigen in die Entwicklung der Corona-Protestszene.


Kürzlich hörte ich von einem Journalisten, der auf einer Hygiene-Demo mit einem Mann ein Interview führte. Am Ende sagte der ganz ruhig, als sei es etwas völlig Normales: „Wenn der Systemumsturz kommt, wirst du aufgehängt.“ Wo solche Sätze zur Normalität werden, da muss sich niemand wundern, wenn derartige Gedankenwelten am Ende in Taten münden. Man erinnere sich an den rechtsextremen Terrorkomplex NSU. Dessen Mitgründer Uwe Böhnhardt hängte 1996 eine Puppe mit Davidstern an eine Autobahnbrücke nahe Jena – die symbolische Hinrichtung eines Juden. Es blieb bekanntermaßen nicht bei der Symbolik.
Die Redakteurinnen und Redakteure des Mindener Tageblatts wollen und werden sich nicht den Mund verbieten lassen. Wir werden nicht schweigen und wir werden nicht aufhören, kritisch zu berichten. Aber wir sind auch angewiesen auf Behörden, die solche barbarischen Akte verfolgen. Auf Richter, die sie bestrafen. Und auf eine Polizei, die den Journalismus bei der Berufsausübung schützt. Da vermissen wir regelmäßig etwas. Zu oft gehen Beleidigungen und Drohungen als freie Meinungsäußerungen durch. Zu oft laufen Ermittlungen ins Leere. Zu oft passiert es, dass die Polizei Journalisten beispielsweise bei Demonstrationen nicht die Arbeit ermöglicht, sondern erschwert. Im Fall der Puppe darf es nicht sein, dass so eine Tat am Ende als Kleinigkeit abgetan wird. Diese Hetzte muss bestraft werden, auch als Signalwirkung.
http://www.mt.de/lokales/post-von-piel

English

From mail from Piel:

To that extent I have not used any external text here, but always and only my own texts. Here now the exception. The following text was written entirely by the editor-in-chief of the Mindener Tageblatt (MT), which is sent weekly to registered interested parties as a newsletter (mail from Piel). I thank Mr. Piel for the kind permission to use it.

it was a shocking sight. When I looked at my cell phone on Saturday on the way back from my vacation at the Baltic Sea coast, I could hardly believe it. There a mannequin dangling from a rope from the Glacisbrücke in Minden. Around her neck dangled a big cardboard sign with the inscription „Covid-Presse“ (to the MT article).

It is a bad feeling to have to look as a journalist at the symbolic execution of a media representative or at the lynching of one’s own profession. Whether one wants it or not: one inevitably sees oneself hanging there. Have people who do something like this lost all empathy with how it feels for those affected? Have these people lost all empathy? Apparently.

No, I have no fear. But I do worry about my colleagues in Minden in particular and in Germany in general. What journalists now have to listen to in terms of repulsive statements and have to put up with in terms of attacks has become increasingly nasty over the years. We have to live with the fact that we do not have the best reputation. I think that’s okay because it can be explained. While doctors save lives or policemen protect the population – and are thus high on the list of professions that enjoy the highest reputation – journalists are considered to be the ones who look for the hair in the soup, the no-gooders or the smart alecks. This is, by the way, a completely wrong impression, as will be shown later in the text, because local journalism fulfills a greater service to the public good than one might initially assume. Either way: there are limits to criticism and these are being violated more and more often.

This development has been going on for years. During the Corona pandemic, however, it has become much more acute. More and more people who demonstrate against the Corona measures are radicalizing themselves and are accordingly prepared to be more and more hateful. Not that we misunderstand each other: It is, of course, legitimate to demonstrate against the government’s conditions. It is also only natural, for example, if the restaurant owners, who have been in a bad way for months, lose confidence in politics in view of the recent lockdown. But it is worrying that the demonstrators are becoming increasingly radicalized, that their views are becoming more extreme.

For thoughts become words, words become symbolic actions, and symbolic actions become deeds. This is the order in which no one should underestimate. It is much more than a silly prank when someone installs the symbol of an execution in the middle of Minden. To say it clearly: So far it is completely unclear who hung the doll on the Glacisbrücke. However, this new quality of indecency fits into the development of the Corona protest scene.

Recently I heard about a journalist who interviewed a man at a hygiene demonstration. At the end, he said very calmly as if it were something completely normal: „When the system overturn comes, you will be hanged. Where such sentences become normality, no one should be surprised if such worlds of thought end up in deeds. One remembers the right-wing extremist terror complex NSU. Its co-founder, Uwe Böhnhardt, hung a doll with the Star of David on a highway bridge near Jena in 1996 – the symbolic execution of a Jew. As is well known, the symbolism did not stop there.

The editors of the Mindener Tageblatt do not want to and will not be forbidden to speak. We will not remain silent and we will not stop reporting critically. But we are also dependent on authorities who pursue such barbaric acts. On judges who punish them. And on a police force that protects journalism in the exercise of its profession. We regularly miss something there. Too often insults and threats pass for free expression. Too often, investigations run aground. Too often it happens that the police do not allow journalists to work, for example during demonstrations, but make it more difficult. In the case of the puppet, it is unacceptable that such an act is dismissed as a trivial matter in the end. This agitation must be punished, also as a signal effect.
http://www.mt.de/lokales/post-von-piel

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